Karate-Do

Karate ist Kampfsport, Karate-Do aber ist weit mehr: Karate-Do ist der Weg, Karate-Do ist ein stetes An-sich-arbeiten, nicht nur physisch, sondern insbesondere psychisch und geistig. Karate kann wettkampfmässig nur bis zu einem bestimmten Alter praktiziert werden, Karate-Do aber kann das ganze Leben lang, bis ins hohe Alter, geübt werden. Karate-Do ist ungemein viel schwieriger, komplexer und anspruchsvoller als Karate. Karate-Do ist ein Kampf gegen sich selbst. Dabei muss man versuchen, sich selbst zu besiegen, was ungemein viel schwieriger ist, als einen Gegner zu bekämpfen oder zu besiegen.

 

Kernpunkt des Karate-Do ist in aller erster Linie Mushin zu erreichen. Mushin ist das Erreichen eines bestimmten Geisteszustandes, in welchem man sich befreit von allen Gedanken, eine innere Leere erzeugt. Durch diese Unvoreingenommenheit und Abwesenheit von Gedanken, Gefühlen und Urteilen, die die intuitive Urteilsfähigkeit trüben, beruhigt sich der Geist und wird offen für die geistigen Grundsätze des Karate-Do. Durch Mushin wird der Geist befreit, so dass er in jede beliebige Richtung entscheiden und handeln kann, bevor ein intellektueller Prozess angestossen wird.

 

Mizu no kokoro ist ergänzend zu Mushin zu verstehen und versinnbildlicht das Bestreben, sowohl Geist als auch Technik mit den Eigenschaften des Wassers zu versehen. Einen Geisteszustand der Ruhe, Gelassenheit und Nichtaggression anzustreben. Wasser ist hart und weich zugleich, weicht jedem Angriff, kommt aber sofort zurück, manchmal langsam, manchmal schnell und passt sich jeder Form an. Es kann nicht gefasst werden; je fester man es greift, desto mehr verliert man es. Eine Wasseroberfläche interpretiert nichts, sondern spiegelt wieder, ohne Gedanken, spontan, sofort.

 

Laotse hat die Eigenschaften des Wassers überaus trefflich formuliert: «Auf der ganzen Welt gibt es nichts Weicheres und Schwächeres als das Wasser. Und doch in der Art, wie es dem Harten zusetzt, kommt ihm nichts gleich. Es kann durch nichts verändert werden. Dass Schwaches das Starke besiegt und Weiches das Harte besiegt, weiss jedermann auf Erden, aber niemand vermag danach zu handeln.»

 

Ein weiterer Kernpunkt des Karate-Do sind die waffenlosen Techniken, insbesondere Abwehr-, Schlag-, Stoss- und Tritt-Techniken. Weitere Techniken, wie Greif-, Hebel-, Würge-, Befreiungs-, Fege-, Wurf- und Nervenpunkt-Techniken werden im fortgeschrittenen Training ebenfalls geübt.

Ein sich im Karate-Do Übender sollte bescheiden, selbstlos und sanftmütig sein. Aber auch, wenn es die Situation erfordert, Mut und Charakterstärke beweisen. Zudem sollte er einen ausgesprochenen Ehrenkodex besitzen, der sich insbesondere dadurch manifestiert, dass er seiner gesamten Umwelt – Mensch, Tier, Pflanze und Materie – mit Respekt, Achtung, Höflichkeit und Verständnis gegenübertritt.

 

Eine vertiefte Analyse des Dojo-Kun offenbart, wie schwierig Karate-Do – der Weg – ist, vor allem wenn diese Regeln auch auf das Verhalten ausserhalb des Dojo ausgeweitet werden.

 

Karate ist Kampf gegen einen Gegner, Karate-Do aber wie gesagt der Kampf gegen sich selbst und dieser ist unendlich viel schwieriger und dauert nicht nur zwei oder drei Minuten wie im Kumite (Sport-Kampf), sondern das ganze Leben lang – und vielleicht sogar darüber hinaus.